#Bombergate: Richtig falsch

Ein Gate meiner Ex-Partei hat es in meine Timeline geschafft. Und da es das meiner Meinung nach in der Partei falsch gehandhabte Thema Gewalt tangiert möchte ich ein paar Worte dazu loswerden.

Was ist passiert?

Laut einem Artikel des Berliner Kuriers soll ein Mitglied der Piratenpartei mit den Worten »Thanks Bomber Harris« demonstrieren gegangen sein.

Arthur Harris war die Person, die die Flächenbombardements gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg befohlen hatte.

Oh shit! Und weiter?

Wie zu erwarten streiten sich nun viele unter #bombergate darüber, was wohl schlimmer ist: die Bombardements? Die Nazis? Und wer trägt Schuld? Und darf man trauern? Wenn ja für wen? Darf man andere trauern lassen?

Und dein Senf dazu, du alter Bombenleger?

Eine Option wird meistens vergessen. Die, dass es oft kein »Richtig« gibt. Denn, so meine These:

Jedes Ziel von Gewalt ist ein Opfer. Gewalt gegeneinander abwiegen ist moralisch schwach.

Meiner Meinung nach kann man Gewalt nicht gegeneinander aufwiegen. Was ist schlimmer: Ein Toter oder 12 Milliarden Tote? Für mich gibt es hier keinen Unterschied. Nur vollkommene Gewaltlosigkeit ist für mich als moralischer Kompass akzeptabel. Dies schließt eine Ordnungsrelation, also die Möglichkeit eines Vergleichs, zwischen Gewalttaten aus. Jede ist abzulehnen, jede ist schlimm.

Dennoch treffen wir oft falsche Entscheidungen. Schlimmer noch: Wir kommen ständig in Situationen, in denen man nicht die Wahl zwischen »Richtig« und »Falsch« hat. Es gibt Situationen, in denen jede Entscheidung falsch ist. Aber eine muss man treffen. Das macht die Entscheidung danach jedoch nicht besser.

Was hätte Harris tun sollen? Den Nazis zusehen? Das hätte zu mehr Gewalt geführt. Einschreiten? Auch dies führt zu Gewalt. Beide Entscheidungen sind falsch. Aber einen dieser Wege musste er nehmen. Beide führen zu Gewalt. Beide sind falsch.

Sich rückblickend auf eine der beiden Seiten zu stellen ist leicht. Für diese Seite zu argumentieren ebenso. Es zeugt aber von einem Unverständnis des Leids, das die Opfer erleben mussten. Möglicherweise auch von mangelnder Empathie.

Ich bemitleide auch Harris: Denn er musste eine falsche Entscheidung fällen, die so oder so zu unermesslichem Leid führt.

Dieser Gedankengang führt nebenbei auch zu interessanten Folgerungen. So ist auch unser Strafrechtssystem, bei dem wir Menschen mit Gewalt die Freiheit entziehen, von Gewalt geprägt. Auch hier gilt: Eine Entscheidung muss in jedem Fall her, denn wir müssen weitere Taten verhindern. Das jedoch macht keine der einem Richter zur Verfügung stehenden Optionen zur »richtigen« Option.

Und wie hättest du dich an Stelle von Harris entschieden?

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch.

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6 Responses to #Bombergate: Richtig falsch

  1. knallfrosch sagt:

    „was ich diesen Bombenflugzeugen der Alliierten wirklich vorwerfe, und nicht nur ich – dass sie nicht mal ein paar kleine Bömbchen übrig hatten, um die Gaskammern zu zerstören, in denen mein Vater vergast wurde. Und die Schienen zu zerschlagen, und die Brücken, auf denen die Todeszüge mit Millionen Menschen in die Todesfabriken geschafft wurden. Die Bomben wären dort im Sinne der Humanität besser verbraucht worden als für Dresden.“

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wolf-biermann-ueber-den-bombenkrieg-wir-sind-durchs-feuer-gelaufen-a-258522-2.html

  2. Dirk sagt:

    Ganz schön naiver Text

  3. Ben sagt:

    Sven, es geht überhaupt nicht darum, ob der Tod von über 20000 Menschen -viele davon Kommunisten oder Sozialdemokraten- nun im Rahmen dieses Krieges ein „notwendiges Übel“ darstellten oder nicht.

    Sicher, wenn es nicht so war, erübrigt sich jede Verteidigung der Aktion von selbst. Aber auch der entgegengesetzte Fall ist ganz und gar kein Grund, das offensiv zu feiern! Hat Churchill gefeiert, als er die Bombardierung von Conventry zugelassen hat, um zu verbergen, dass die Briten die Geheimcodes der Nazis längst geknackt hatten? Feiert einer von euch, wenn die Ärzte bei einem nahen Angehörigen nach langem Leiden die Geräte abstellen Eben!

    Und alleine deswegen schon geht Annes Verhalten in dieser Sache wirklich gar nicht, ebensowenig wie das ihrer Unterstützer.

  4. Fritz sagt:

    Es ist schon ziemlich durchgeknallt, darüber zu diskutieren, ob Harris Alternativen zum Krieg gegen die Nazis hatte, aber NICHT darüber zu diskutieren, ob Harris Alternativen dazu hatte, systematisch die deutsche Zivilbevölkerung zu bombardieren.
    Der vollkommene geistige Flachköpper ist es aber, jede Aktion der Aliierten damit zu rechtfertigen, dass sie eben gegen die Nazis kämpften, und dass die eben angefangen hatten. Das rechtfertigt / entschuldigt nämlich NICHT jede Aktion der Aliierten.

  5. Andi sagt:

    Nu ja, ganz kurz vor Kriegsende Flächenbombardements von Städten, das war natürlich vollkommen militärisch überflüssig. Wird ja auch bei den Briten so gesehen. Es ist aber einfach geschmacklos und pietätslos so eine Aktion zu machen, es wirkt so unglaublich unreif und ist Wasser auf den Mühlen der Leute rechtsaussen. Wenn ich ein Nazi wäre, würde ich genau so eine Aktion machen, um die Linke zu diskreditieren. Es ist ja immer wieder erhellend den Lebensweg der Bahamas Rabatzmacher und antideutschen Denunzianten von der Mitte der 90er Jahre zu verfolgen, heute alle im hartrechtsesoterischen Lager, damals so dreihundertendprozentig als „links“ ideologisch angekleidet und mit schrägen Thesen zu Israel und der Deutschheit allen Bösens. Es geht auch gar nicht um Bomber Harris, es geht um Goutieren des Sterbens von Menschen. Das ist erschreckend, menschenverachtend. Wohlan, macht auch ihr das Maß eurer Väter voll! Das ist nicht das, was ich in Parlamente wählen will. Wer da anfängt überhaupt über den Sinn von Flächenbombardements zu diskutieren anstatt zu sehen, dass das nicht geht…

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